Auf der Suche nach dem Universellen

 

Ein Text von Sabine Behrens

Diese Ausstellung vermittelt einen Einblick in das malerische Schaffen der 1964 in Tondern geborenen Künstlerin Geske Slater Johannsen. Ihr jüngstes Werk umfasst seit 1996 einerseits lasierend gemalte Ölbilder mit gestisch langgestreckten Pinselstrichen und andererseits Kohlezeichnungen auf grundierter Leinwand. In ihren Bildern verdichtet sie horizontale und vertikale Linien oder Streifen und gebogene, seltener gezackte und geschlängelte Haken und Zeichen zu weitgehend rechtwinkligen, gewissermaßen grafischen, über die gesamte Bildfläche geführten Gitterstrukturen. Zu dieser Verdichtung in einer Fläche tritt als kompositorisches Prinzip die Schichtung einzelner Linienraster oder Parallelschraffuren übereinander. Die somit in Schichten gemalten Ölbilder besitzen, obgleich der Wirklichkeit gegenüber autonom, eine aufregende räumliche Tiefe, welche die Künstlerin aus Hell-Dunkel der einzelnen Farbtöne entwickelt. Die Modulation der Farbwerte suggeriert ein Schweben der horizontal/vertikal strukturierten Flächen, sodass einige nach vorne, andere nach hinten zu treten scheinen und das Licht zwischen den Farbbalken optisch vibriert. Geske Slater Johannsen vermeidet in solchen räumlichen Bildbezügen Eindeutiges und Endgültiges. Dies gilt auch für die einzelnen Bildstrukturen: So finden sich sowohl Gemälde, die eine gleichmäßige Flächenfüllung ohne hierarchische Gliederung aufweisen und damit als Ausschnitt einer nach allen Seiten fortführbaren Großstruktur wirken, als auch Werke, die zu den Seiten durch Rahmungen in Form von unterschiedlichem Pinselduktus  oder einer anderen Bewegungsrichtung gefestigt werden. Die großen, hoch empfindlichen Gewebe der Kohlezeichnungen werden bisweilen zu einem der Bildränder weitmaschiger und lichter, reißen auf und lassen somit über dem Weißgrund Raum für exponiert gesetzte Kreissegmente, Ovalkürzel und konzentrische Doppelbögen. 

Geske Slater Johannsen lässt sich zeit mit ihrer Kunst. Die malerischen Veränderungen in ihrem 0evre wachsen langsam auseinander hervor, sind in den vorangegangenen Werken bereits angelegt, sodass die Künstlerin sie quasi nur noch wahrnehmen, aufnehmen und umsetzen muss – sie spürt in ihre Bilder “hinein“, denn: „Die Arbeit gibt es mit vor!“ Der Malprozess selbst ist neben allen formalen Problemen ein Thema für sich, Malerei wird auch als Ablauf begriffen. Zufallsspuren, die notwendig einem solchen Verfahren anhaften, werden von der Künstlerin bewusst hinterfragt. Entweder bleiben sie erhalten oder sie werden von ihr gelöscht. Der Betrachter spürt das feine Vibrieren dieser stillen Kunst und die subtile „unbewegte Bewegtheit“ im Gespinst der Linien. Immer ergeben sich aus der scheinbar unkomponierten Verdichtung einzelner linearer Pinsel- oder Kohlestriche ausgewogene und eben doch wohlgeordnete, in sich ruhende Gefüge.

In den Bildern Slater Johannsens wird die langwierige Suche nach einer für die Künstlerin zufriedene Bildorganisation deutlich. Jedes Bild für sich wird zu einem Gedanken über Malerei. In den beiden Werkgruppen Ölmalerei und Kohlezeichnung verzichtet die Malerin sowohl auf Farbe als auch auf Form und räumlichen Illusionismus. Diese bewusste Reduktion der künstlerischen Mittel entspringt dem Wunsch, jedes Bild auf das Elementare zu konzentrieren; um im Sinne einer analytischen Untersuchung zu den Grundkategorien der Malerei vorzustoßen und deren „Urgründe“ freizulegen. Dieser Verzicht stellt eine Art Reinigungsprozess dar, mit dem sich ihre Arbeit gänzlich auf die Probleme Farbe, Form und Malgrund verlagert.

Die farbliche Zurückhaltung und weitgehende Begrenzung auf Weiß und Schwarz sowie gemischte Graustufen geht auf ihr Studium an der Städelschule in Frankfurt am Main bei Christa Näher und Per Kirkeby zurück, mit dem sie ein vergleichbarer kühl eingefrorener Bildmodus bei eigentlich emotionaler Gebärde verbindet. Verwendet Geske Slater Johannsen mit der zumeist auf Keilrahmen gespannten Leinwand den traditionellen Untergrund für Malerei, erhebt sie ein Material der Zeichnung – oder im Kontext von Gemälden dasjenige für Vorzeichnungen – zum tragenden Werkstoff ihrer Malerei: die Kohle. Trat Kohle zunächst nur in Form von schwarz-samtigen Strichkürzeln in den älteren wolkigen Ölgemälden auf, hat sie sich heute vollständig als eigenwertiges Malmittelemanzipiert, und dafür sprechen drei Gründe: Die „Vorzeichnung“ auf der Leinwand wird erstens zum fertigen Bild erklärt; einen skizzenhaften Werkcharakter als vollwertig anzuerkennen ist in der modernen Kunst eine häufige Vorgehensweise. Damit wird zweitens die Unterzeichnung gleichzeitig „freigelegt“, die Künstlerin dringt so im Sinne ihres Konzepts bildhaft in die Schichtung ihrer Malerei hinein und zu dem „Urgrund“ hindurch. Drittens erfüllt die Kohle in ihrer breitzeichnenden Schwarztonigkeit die Anforderungen an die Linearität der Struktur und vor allem an ein grafiknahes Schwarz-Weiß-Kolorit. In der Kohlezeichnung ist malerisch alles gesagt, weil der nuancenreiche Kohlestrich Farbqualitäten besitzt. Erst in ihren jüngsten Arbeiten aus diesem Jahr beginnt der farbige Aspekt langsam wieder eine tragende Rolle zu übernehmen, wobei gleichzeitig der Charakter der Zeichnung ins Stofflich-Textile umbricht. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich ihr Werk in Bezug auf die Farbpalette weiter entwickeln wird.

Für Geske Slater Johannsen ist die Linie eine Handschrift, oder mit den Worten der Künstlerin: „Sie hat jedes Mal wieder einen neuen Charakter. Mal strahlt sie Humor und Freude aus, mal ist sie ernsthaft und melancholisch.“ Reduktion der Form bedeutet: Beschränkung auf die Linie als einzigstem Gestaltungselement, ist doch die Linie die eigentliche Abstraktion der Dingwelt. Sie wird hier zum Ausdrucksträger, indem sie nicht mehr als Kontur eine Form definiert und von anderen Formen abgrenzt, sondern ein Muster als Flächengliederung über die Bildfläche legt, also autonome Form an sich ist. Slater Johannsen steht hier in der Tradition der klassischen Moderne, in der beispielsweise Paul Klee auf Farbflecken eigenwertige lineare Figuren oder Piet Mondrian lineare Streifen in Beziehung zu reinen Farbrechtecken setzte. Man könnte noch weiter zurückgehen und an die grafischen Werke Albrecht Dürers oder Rembrandts erinnern, in denen Kreuzschraffuren der parallelstriche alles andere als formdefinierend in Binnenflächen ein erstaunliches Eigenleben entfalten oder als Landschaftskürzel atmosphärische Situationen stiften. Die Lösung der Linie aus ihrer traditionellen Funktionswidmung rückt die Künstlerin aber wieder in der Nähe zeitgenössischer Positionen eines linearen abstrakten Expressionismus, wie ihn mit durchaus ähnlichen all-over-Strukturen Jackson Pollock vertritt, kalligraphisch gedeutet und schleifenförmig kurviert Cy Twombly, farbfroh-gestisch Winfried Gaul oder in seinem Gitterstrukturen überraschend verwandt der Norweger Olov Christopher Jensen.

Die Bilder von Geske Slater Johannsen teilen den architektonischen Habitus von Stadtplänen, doch nicht deren spröde Strenge, abweisende Exaktheit und mathematische Maßidealität. Stattdessen sind sie am ehesten als etwas Lebendiges zu betrachten. Um im Bild der Stadt zu bleiben: Sie bilden weniger ein urbanes Planungsstadium ab, sondern eher das pulsierende soziale Leben. Sie sind fragil, zart, schutzbedürftig im materiellen wie im inhaltlichen Sinn. Vor dem Hintergrund ihres Architekturstudiums erscheint mir diese Assoziation zulässig. In formaler Hinsicht erinnern die Kohlezeichnungen auch an Architekturrisse, wie sie etwa aus gotischer Zeit vorliegen. Das Liniennetz entzieht sich aber jeder symbolischen Deutung, deshalb muss jeder Betrachter einen eigenen Zugang finden, bevor sich ein Assoziationsraum öffnet. Es bleibt uns nur, sich den Bildern emotional zu nähern, und das scheint auch die Intention der Künstlerin zu sein. Und doch bleibt eine letzte metaphorische Andeutung. Die Arbeiten von Geske Slater Johannsen sind auch Parabeln der menschlichen Existenz und deren Grundkategorien. Das Liniengeflecht kann für die Suche nach Halt in fragilen Lebensumständen, dem Wunsch nach Ordnung und Harmonie in ungesicherten und schwankenden Zuständen stehen. In den Bildern spiegeln sich die Ambivalenzen und Wiedersprüche der Conditio Humana im Spannungsgefüge zwischen Stasis und Bewegung. Die Künstlerin führt uns den eigenen Selbstfindungsprozess vor, der beispielhafte Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. In diesem Sinne handeln ihre Bilder von Elementaren wie vom Universellen des Daseins, von letzter, aber wohl kaum zu findender Wahrheit. 

 © 2018 by Geske Slater Johannsen

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Geske Slater Johannsen, Frankfurt am Main
geskedk@gmail.com
Zeitgenössische Kunst, abstrakte Malerei
Zeichnung, räumliche Fläche, 
Viskosität, Struktur, Minimalismus